Warum die wirklich Armen nicht nach Europa fliehen

Das Land, in dem es den Menschen weltweit am schlechtesten geht, liegt im Herzen Afrikas. Nirgendwo hungern mehr Menschen als dort, die Einwohner werden im Schnitt nicht älter als 50 Jahre. Tausende sterben im Konflikt zwischen christlichen und muslimischen Milizen, das Land weist eine der höchsten HIV-Raten weltweit auf. Die Zentralafrikanische Republik rangiert auf dem letzten Platz des Welthunger-Index 2016, der am Dienstag vorgestellt wurde.

Es ließen sich genügend Gründe finden, dem Land den Rücken zu kehren, nach Norden zu ziehen, den Weg über das Mittelmeer nach Europa zu wagen. In Europa werden aber so gut wie keine Flüchtlinge aus der Zentralafrikanischen Republik registriert. Die Situation in anderen Ländern auf den letzten Plätzen des Hunger-Index ist ähnlich: Auch aus Sierra Leone, dem Niger oder dem Tschad erreicht fast niemand Europa. Das hat seinen Grund.

In diesen Ländern sind die Menschen schlicht so arm, dass dort kaum jemand das Geld aufbringen kann, die Schlepper dafür zu bezahlen, sie nach Europa zu schleusen. Die Ärmsten der Armen fliehen, aber nicht über das Meer. Sie können es sich maximal leisten, in die afrikanischen Nachbarländer zu gehen.

20 Millionen Afrikaner sind auf der Flucht – auf ihrem eigenen Kontinent. Dazu zählen auch die meisten Menschen, die aus der Zentralafrikanischen Republik fliehen. Hier ist eine halbe Million Menschen auf der Flucht, etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung.

Vier Ärzte auf 100.000 Menschen

Sie fliehen nach Kamerun, in die Kongo-Republik oder in den Tschad. All diese Länder finden sich im untersten Viertel des diesjährigen Welthunger-Index wieder. Der Index gibt Aufschluss darüber, wie die Ernährungslage in den Entwicklungs- und Schwellenländern ist.

Er wird jährlich von der Welthungerhilfe, der Hilfsorganisation Concern Worldwide und dem Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungs- und Entwicklungspolitik errechnet. Im untersten Viertel befinden sich die Länder, deren Situation als ernst oder sehr ernst gilt.

Die Menschen leben dort unter prekären Bedingungen, haben kaum zu essen, keine Möglichkeit zu arbeiten und fast keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Im Tschad kommen auf 100.000 Menschen vier Ärzte. In Deutschland sind es hundertmal so viele. Und trotzdem fliehen die Menschen in den Tschad. Das Land, das auf dem diesjährigen Welthunger-Index den vorletzten Platz belegt. Aktuell leben dort 369.500 Flüchtlinge. Auf 1000 Einwohner kommen 26 Flüchtlinge.

Die afrikanischen Flüchtlinge, die über die Mittelmeerroute nach Europa kommen, stammen nicht aus Sierra Leone, dem Tschad oder der Zentralafrikanischen Republik. Sie stammen aus Eritrea, aus Nigeria oder dem Sudan. Knapp die Hälfte der Flüchtlinge Afrikas, die über die Mittelmeerroute kommen, stammt aus diesen drei Ländern.

Einer wird geschickt in der Hoffnung auf Familiennachzug

Das liegt daran, dass es in diesen Ländern Bürgerkriege gibt oder radikal-islamische Milizen die Menschen terrorisieren – aber auch daran, dass parallel dazu das Pro-Kopf-Einkommen so hoch ist, dass die Menschen von dort die Flucht nach Europa finanzieren können, weil sie genug Geld für Schlepper haben.

Das Pro-Kopf-Einkommen in Nigeria ist knapp zehnmal so hoch wie das in der Zentralafrikanischen Republik. Trotzdem müssen Familien dort oft ihr gesamtes Erspartes zusammenlegen, um einem Familienmitglied den Weg nach Europa zu ermöglichen. Natürlich ist das immer verbunden mit der Hoffnung, die Familie nachzuholen oder vor allem verdientes Geld ins Herkunftsland schicken zu können.

Die Menschen wiederum, denen nur die Flucht in Afrikas bleibt, ziehen oft nur in ein Nachbarland, dem es relativ besser geht, das aber selbst von Hunger und Armut geplagt ist. „Diese Menschen fühlen sich in ihrer Heimat durch kriegerische Konflikte bedroht, sehen ihr Leben derart in Gefahr, dass sie keinen anderen Ausweg sehen, als zu fliehen“, sagte Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, der „Welt“. „Die naheliegendste Lösung ist also, in ein Land zu gehen, in dem die militärische Situation nicht ganz so angespannt ist.“

Flüchtlingsströme können ein Land ins Wanken bringen

Durch den Zustrom der Flüchtlinge aber entstehen im Zielland neue Konflikte. „Immer, wenn Menschen in großen Massen in ein Land strömen, steigt der Druck auf bestehende Infrastrukturen“, sagt Klaus von Grebmer vom Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungs- und Entwicklungspolitik. Das ohnehin knappe Essen wird noch knapper. Das führt zu Hunger und oft auch zu bewaffneten Konflikten. Je instabiler ein Land ist, desto größer ist das Risiko, dass Flüchtlingsströme es ins Wanken bringen.

Daher sei es wichtig, die Aufnahmeländer zu unterstützen, damit die Situation dort nicht auch eskaliert, sagt Welthungerhilfe-Chefin Dieckmann. Das sehe man im Fall des Niger: Tausende nigerianische Flüchtlinge gingen in das Nachbarland, weil sie vor der islamistischen Terrormiliz Boko Haram flüchteten. „Der Niger ist dem nicht gewachsen. Das Land gilt schon länger als arm, heute aber ist es gefährdet.“

Dass Angela Merkel nun als erste deutsche Regierungschefin den Niger besucht hat, hält Dieckmann für gut. Es sei ein notwendiger erster Schritt. Angela Merkel hatte dem Land Hilfe zugesichert. In ihrem eigenen Interesse. Denn aus dem Niger flüchten zwar kaum Menschen nach Europa. Sie sind zu arm dazu. Das Land ist aber das Transitland Nummer eins für Migranten aus anderen Ländern. Aus reicheren Ländern.

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تمت الترجمة بواسطة محمد وسيم

طالب طب سوري في ألمانيا

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